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Schwäne (06.05.2019 17:30:12)

Schwäne

 

Für ein paar Jahre zog ich wieder in meine alte Heimat nördlich von Toulouse. Der Bruder von Marie, der in der Region geblieben war, bot mir an, bei ihm in Bourret zu wohnen. Nur einige Kilometer von dort entfernt lag unser verlassenes Familienhaus, das aufgelöst und verkauft werden musste. Die vielen Bilder meines Vaters standen oben in seinem Atelier und verstaubten. Karl war der Letzte gewesen, der hier noch gelebt hatte. 

 

Ich erinnere mich an unser Haus als warm und aufgeräumt, die Zimmer unverstellt, frei und hell. Wir konnten leicht dort leben. Nun schienen die Räume Geschichten zu erzählen, die ich nicht verstand. Der Garten zugewachsen, kaum schien Licht hinein. Die Kronen der Bäume waren über die Jahre ausladender geworden und beschatteten den dunklen Rest des Rasens. Weiter hinten, am Rand zum Feld, stand noch verwilderter Salbei.

 

Die Möbel, die vielen Bücher, das Gesammelte aus aller Welt und die noch nützlichen Arbeitsgeräte wollte ich verschenken und verkaufen, Kunstwerke von Karls Freunden zurückgeben. Sein Nachlass musste gesäubert, sortiert und manchmal auch restauriert werden. Karl war nicht über die Region hinaus bekannt geworden, doch seine Bilder waren typisch für seine Zeit. Mir lag daran, alles an ein Museum zu vermitteln. Am Ende gelang es mir, eine Stiftung zu finden, die sein Werk aufnahm. 

 

Zwischen Stéphane Laurent und mir entstand eine Freundschaft, die wir als Kinder nicht geahnt hatten. Damals begleitete er Marie und mich oft zur Schule, und wir sahen uns, wenn ich Marie besuchte, aber er schien in seiner Welt zurückgezogen. 

 

Jetzt lehrte er an einer Mittelschule Geschichte und Französisch. An freien Tagen und abends hielt er sich oft in seinem kleinen Arbeitszimmer auf. Mir überließ er einen verwinkelten Anbau zum Garten hin, den er nicht nutzen wollte. Manchmal saßen wir zusammen, in seiner Küche oder auf dem Wiesenstück davor. Sein blassgelbes, rissiges Sandsteinhaus lag eingebunden in eine Reihe ähnlicher Häuser, und wurde stündlich von den hohlen Glockenschlägen der nahen Eglise Saint Amand durchdrungen. 

 

Durch seine Straße, die in einen sandigen Feldweg mündete, fuhr ich auf meinem Fahrrad morgens los. Gekleidet in alte weite Hosen und Pullover, die noch verstaubt vom Tag zuvor waren. Erst führte mich mein Weg eine Weile an kleinen Feldern entlang, bis ich die Garonne mit ihren dicht bewachsenen Ufern erreichte. Hier ging es weiter über bequeme Radfahrwege, unter alten Bäumen entlang, neben mir der glatte weite Fluss. 

 

Die Morgendämmerung offenbarte langsam die Farben der Landschaft. Die frische Luft und das körperliche Training ließen mich tatendurstig werden. So gewann ich jeden Morgen wieder Vertrauen in mein ungewisses Vorhaben, mit dem ich mich in der Nacht oft quälte. Am Ende meiner Tour bog ich in holprige lehmige Spuren ab und gelangte an mein Haus. Ich freute mich, an dem Punkt meine Arbeit wieder aufzunehmen, an dem ich den Abend zuvor aufgehört hatte. 

 

In meinem ersten Frühling dort lebte auf der Garonne ein Schwanenpaar. Von einer Steinbrücke aus bemerkte ich es auf einer kleinen Insel, Insel, die durch angeschwemmtes Holz und Blätter entstanden war. Geduldig und erhaben saß die Schwänin auf dem weichen Gras, das obenauf wuchs, auf der höchsten Stelle, und dennoch in einer Mulde, während das männliche Tier seine brütende Gefährtin in großen und kleinen Bögen umschwamm. Die Sonne schien, Lichtsplitter fielen auf die Szene, die dunklen Bäume am Ufer und ein blauer Himmel spiegelten sich auf der Oberfläche des Wassers, und in seiner Tiefe gaben sich leuchtend grüne Algen der Strömung hin.

 

Nach einigen Tagen, an denen ich anderes getan hatte, gelangte ich wieder auf die Brücke. Ein Neugeborenes war dazugekommen. So engelhaft und überirdisch wie das Elternpaar erschien mir auch das Junge. Nichts Eiliges und nichts Verspieltes war an ihm, in seinem hellgrauen Flaum war es eher eine Erscheinung als ein Tierbaby. 

 

Nach und nach erwärmte sich die Luft und die ersten Büsche begannen zu blühen. 

Schillernde Spuren auf den dunklen Fluss zeichnend glitten die Schwäne zu dritt dahin. Ihre Hälse wirkten gelblich durch das Wasser hindurch, wenn sie nach kleinen Fischen schnappten. Am Uferrand im Schilf ruhten sie sich aus. Der Sommer kam und ging und ich sah sie niemals mehr als drei Meter voneinander entfernt. Das wachsende Junge behielt bis in den Herbst seine grauen flauschigen Federn.

 

Als an einem Novembermorgen ein weißer Raureif den Garten bedeckte, gab ich das Radfahren auf. Ab diesem Tag nahm ich den Bus zu meinem Haus. Manchmal fuhr mich Stéfane. In den unbelebten und staubigen Räumen ging mir die Arbeit nicht mehr gut von der Hand. Immer öfter saß ich einfach nur da und sah aus einem Fenster oder vertiefte mich in ein Buch. Einen Monat vor Weihnachten ergab sich die Gelegenheit, in einer kleinen Librairie neben der Kirche auszuhelfen. Stéphane kannte die Besitzerin, die jemanden suchte. Dort blieb ich den Winter über und verschwendete meine Zeit zwischen Bildbänden, Schneekugeln, Osterkerzen und verbogenen Ansichtskarten. Bis auf gelegentliche Wochenenden vernachlässigte ich das Aufarbeiten in Karls Atelier.

 

Erst im wärmer werdenden Februar entschloss ich mich, meine Sommerroutine wieder aufzunehmen und kündigte meine Stelle. Erneut radelte ich morgens und abends an der Garonne entlang. Und versuchte, die Schwanenfamilie zu treffen. Der Februar und der März vergingen, doch ich sah sie nicht. Mich interessierte das Junge und ob es ein weißes Gefieder bekommen hätte. 

 

Eines Tages gelangte ich wegen einer Besorgung, für die ich einen südlicheren Weg nehmen musste, in eine andere Gegend, und sah zwei Schwäne, einen Elternschwan und das Junge. Dieses war groß geworden, aber noch nicht gänzlich ausgewachsen und seine Federn schimmerten glatt und weiß. Sie zogen flußaufwärts über das milchige und unruhige Hochwasser.

 

Ich nahm am nächsten Tag wegen der Schwäne wieder die südlichere Strecke und fand sie. Sie putzten sich am Uferrand, steckten nahezu synchron die gebogenen Hälse in ihr Gefieder. Mich beunruhigte das Fehlen des dritten Tieres, so dass ich die folgenden Tage noch östlicher und südlicher suchte, in sumpfigen Seitenflüssen, hinter einem kleinen Wasserfall und weiter unten an einem Wehr. Abgelegen im Schilf auf der Höhe von Île Saint-Cassian sah ich endlich einen einzelnen Schwan. Das Tier kauerte an dem mir gegenüber liegenden Ufer, in sich zusammengeknickt und elend. So hatte ich noch niemals einen Schwan gesehen. Mein Herz flog ihm zu und zog sich gleichzeitig entsetzt zusammen. Er schien krank oder im Sterben begriffen. Ich verstand sein Alleinsein nicht - und fühlte alles daran.

 

Langsam fuhr ich zurück. Ich wollte das Tier in seinem Schmerz nicht stören, und wusste nicht, was ich hätte tun können. Ich überlegte mir, warum sie jetzt getrennt lebten und wodurch der einzelne Schwan seine Familie verloren hatte. Hatte er sich zurückgezogen, weil er krank war? Oder wollte er sterben, weil er nicht mehr dazugehörte? Das Zusammensein war ihnen noch vor einem halben Jahr viel Wert gewesen. 

 

Ich habe diesen Schwan niemals wiedergesehen. Die beiden anderen lebten weiterhin dort. Unter blauem Himmel und unter nassen Wolken, in strahlender Morgensonne und im Abendnebel.

 

Später sagte mir Stéphane, ihm würde es vorkommen, als ob sich der übrig gebliebene Elternschwan um das Junge einfach gekümmert hätte, wie es seiner Natur entspräche, und man könne ihm den Verlust seines Partners möglicherweise nicht ansehen. Das ergab auch für mich einen Sinn, an den ich glauben wollte. Darin glich Stéphane seiner Schwester. So war auch Marie gewesen, so tröstlich in der Art, immer das Beste zu vermuten. Marie Laurent, ihre Geschichte möchte ich noch aufschreiben.

 


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