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Schäumendes Meer (12.08.2016 11:06:27)

Wenn meine Familie zu jener Zeit, als wir Schwestern noch Kinder waren, im Sommer die Eltern meines Vaters besuchte, kam es vor, dass wir über Nacht blieben und in einer Kammer unter dem Dach schliefen.

 

Das kleine Fachwerkhaus der Großeltern lag auf dem Land, umgeben von Gärten zwischen Getreidefeldern und Kartoffelflächen. Vor ihm, auf einer Wiese, standen Obstbäume und Beerensträucher, duftende Rosen rankten an seinen Mauern empor, und an schmalen Wegen blühten Fingerhüte, Löwenmäulchen und Margeriten. Am Obstgarten entlang führt eine Straße zum Dorf, hinter dem Haus lag ein Gemüsegarten, der an einen Friedhof grenzte.

 

Oft ging unser Opa mit seiner Pfeife prüfend durch den Garten, sah nach den Stangenbohnen oder erntete Salat. Auf dem Kompost schwirrten die schwarzgrünen Fliegen, und im Zwetschgenbaum, auf der kleinen Terrasse, summten Bienen, und später im Jahr die tückischen Wespen. Meine beiden Schwestern und ich setzten uns gerne auf die Bank vor dem Küchenfenster und unterhielten uns mit unserem Großvater, während er Kartoffeln schälte – und die Sonne wärmte uns dabei.

 

Unsere Oma hatte immer viel zu tun. Vor allem bei großen Verwandtentreffen, wenn nach und nach ihre Töchter und Söhne mit ihren Familien eintrafen. Sie buk Kuchen und Torten schon während der Woche davor und stellte sie bis zum Sonntag in eine kühle, dämmrige Vorküche auf einen langen Tisch. Dort entfalteten sie ihre süßen, sahnigen und fruchtigen Düfte.

 

Wir Schwestern und die Kusinen, die dazukamen, probierten alle reifen und unreifen Früchte des Gartens. So waren wir oft schon satt von den vielen Birnen, Mirabellen, Johannis- und Stachelbeeren, wenn sich die Erwachsenen noch auf die Kaffeetafel freuten.

 

Dazu versammelten wir uns im engen Wohnzimmer, die zwei Schwestern und zwei Brüder meines Vaters mit ihren Ehepartnern und Kindern, unsere Großeltern und wir. Irgendwie passten wir alle an einen Tisch.

 

Wir Schwestern lernten unsere Kusinen jedes Mal anders kennen und schlossen neue Freundschaften. Es hatte sich immer viel verändert in der Zeit, in der wir uns nicht sehen konnten. Wir liefen durch die Gärten bis zum Friedhof und besprachen die Neuigkeiten.

 

In der Mitte des Friedhofs stand ein großer Engel aus grauem Stein, der mit einer Eisenstange befestigt war. Sie ragte aus dem Sockel und ergab eine schöne Turnstange. Ich stellte mir bei jedem Besuch erneut vor, ich könnte zu diesem Engel hinaufklettern, aber es gelang mir nie.

 

Jenseits des Friedhofs, in einem Stoppelfeld, gab es einen Heuschober. Dorthin liefen wir. Innen duftete es sehr gut. Gerne sprangen wir von den Heuballen in die tiefer gelegenen Heuschichten, während die Sonne blinzelnd und streifenbildend durch die Bretterwände schien und der Staub tanzte.

 

Von dort aus konnte man unsere Eltern weit entfernt vor dem Haus sehen. Sie unterhielten sich, gingen zum Friedhof und warteten aufeinander.

 

Später, zurück von den Streifzügen, erwartete uns Oma, um uns Zucker in kleinen Tassen zu reichen, für Rhabarberstangen, die jemand für uns geerntet hatte. 

 

Wenn es dunkel wurde und die anderen abgereist waren, stiegen wir Schwestern eine schmale Holztreppe nach oben zu den Dachkammern. Eine davon hatte die jüngste Schwester meines Vaters in ihrer Jugend bewohnt. Dort schliefen wir.

 

Der Raum war klein, mit Fenstern in den Dachschrägen, und wurde fast vollständig von zwei großen Betten ausgefüllt, die in der Mitte aneinander standen. Die Matratzen wölbten sich außen und bildeten in ihrer Mitte eine Kuhle. Die Laken waren kalt und die Federkissen schwer und klumpig. Niemand von uns dreien wollte zwischen den Betten auf der Ritze liegen.

 

Zuerst fühlte es sich heimelig an, so eng mit meinen Schwestern zusammenzuliegen, aber während sie müde einschliefen, blieb ich wach und lauschte den nächtlichen Geräuschen. Der fröhliche und sonnige Tag ließ mich aufgeregt zurück und wechselte hinüber in  eine kühle, unbekannte Nacht voller Schatten. Neben mir an der Wand schimmerten kleine Bilder im dämmrigen Licht. Sie zogen meine Aufmerksamkeit auf sich und schickten mich auf Reisen.

 

Am Fußende hingen zwei Scherenschnitte, zwei einander zugewandte Gesichter im Profil aus schwarzer Pappe. Sie stellten die jüngste Schwester meines Vaters und ihren jungen Ehemann dar. Ihre Gesichter zu betrachten tröstete mich, während ein anderes, mir näher hängendes Bild, mich sehr beunruhigte.

 

Es zeigte ein schäumendes Meer im Sturm. Vielleicht war es aus einem Buch oder Kalender herausgetrennt worden. Es war kein Foto, eher ein Druck eines Ölgemäldes oder eine farbige Radierung.

 

Ich sah Wasser in Sepia- und fahlen Grautönen, gelblich weißen Schaum in aufschlagenden Wellen und einen schweren, bedrohlichen Himmel.

 

Durch das graue Abendlicht starrte ich auf die gefahrvolle Szene. Immer wieder erhellten Scheinwerfer der unten auf der Straße vorbeifahrenden Autos das Zimmer. Ihr Licht glitt über die Wand und mein Bild. So durcheilte das Meer einen Tag und eine Nacht. Ich selbst aber war in diesem unendlichen Meer und versuchte, zu schwimmen, zu überleben. Der Horizont war weit, kein Strand zu sehen. In dem schweren, salzigen Wasser kühlte ich immer mehr ab. Die Gischt schlug mir ins Gesicht und ließ mich das salzige Wasser schlucken. Bei jeder Bewegung wurde ich schwächer. Niemand war da.

 

Wo war die Luft? Wie lange war ich schon hier? Wo war mein wunderschönes Leben geblieben? War es bald vorbei? Meine Freunde, die Schule? Ich dachte an den Frühling, an duftende Bäume mit hüpfenden und piepsenden kleinen Vögeln. Und ich sah mich mit Kniestrümpfen in der Sonne auf dem warmen Asphalt gehen, sah den blauen Himmel, in den Flugzeuge weiße Linien zeichneten. 

 

Alles war verloren. In dieses Meer zu geraten war keine Kinderwelt mehr. Mich umgab eine graugelbe Wassermasse, auf die schräger Regen aus dunklen Wolken stürzte. Der Wind heulte und wurde nur noch von mir und dem Meer gehört. Ohne Rücksicht trieben mich die Wellen wild immer weiter in die tiefe See. Eingehüllt in das gewaltige Auf und Ab der Wogen wurde ich Teil von ihnen. Dieses große und einsame Meer diente nur seiner eigenen Schönheit. Es war eine erhabene und ewige Welt, jenseits der Menschen.



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